Der Tag nach der Sprengung 1968

      Die emotionale Erregung, die die Sprengung der Universitätskirche am 30. Mai 1968 und wenig später der im Kriege erhaltenen Universitätsgebäude bei vielen Leipzigern und auch einer großen Zahl von Universitätsangehörigen begleitete, täuschte womöglich bei manchen darüber hinweg, was dieser Abriß eigentlich bedeutete. Daß es die Ansammlung eines schwer zu übertreffenden Maßes an Hybris bei durchweg ungeschichtlich denkenden und […]

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Die emotionale Erregung, die die Sprengung der Universitätskirche am 30. Mai 1968 und wenig später der im Kriege erhaltenen Universitätsgebäude bei vielen Leipzigern und auch einer großen Zahl von Universitätsangehörigen begleitete, täuschte womöglich bei manchen darüber hinweg, was dieser Abriß eigentlich bedeutete. Daß es die Ansammlung eines schwer zu übertreffenden Maßes an Hybris bei durchweg ungeschichtlich denkenden und urteilenden Menschen war, die zu dem damaligen Zeitpunkt die Macht hatten, muß uns heute eigentlich nicht weiter beschäftigen. In unserem Zusammenhang braucht vielleicht nur auf einen Punkt hingewiesen zu werden: Die herrschende Ideologie hielt nach ihrem Ansatz viel von der Erkenntnis der Geschichtlichkeit des Daseins, wollte aber aus Gründen des Machterhalts nicht wahrhaben, daß der fahrlässige geschichtliche Eklektizismus,
den sie betrieb, der vorausgesetzten Erkenntnis absolut zuwiderlief und keine geringeren Folgen produzierte, als Doppelmoral zu erzeugen und damit eine absolutistische Haltung zwischen Herrschenden und Untergebenen herbeizuführen.

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Was ist geschehen? Aus dem zeitlichen Abstand läßt sich klarer eine Beurteilung versuchen. Die seit 1953 mit dem Namen von Karl Marx versehene Universität sah es als ihre Aufgabe an, sich von ihrer eigenen Geschichte, die sie im eigenen Sinne als UnGeschichte sehen mußte, zu distanzieren. Die Universitätskirche kann aus der Rückschau heute noch ohne Übertreibung als versammelte Geschichte der Universität Leipzig seit ihrer Gründung bezeichnet werden. Deshalb war die Zerstörung dieses wesentlichen Stückes, dieser Versammlung ihrer Geschichte, der Hauptgegenstand der Veränderung zu einer sogenannten »sozialistischen Universität«.

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Ebenso muß aber in einem heutigen Überblick über die Geschichte der Universität bedauert werden, daß sich die Universität exakt 200 Jahre vor der Sprengung der Kirche dazu entschloß, diese nicht weiter als ihr größtes Versammlungszentrum zu sehen und zu benutzen. Seit 1768 hörte die Universität als ganze auf, akademische Akte, Promotionen, Trauerfeiern für Universitätsangehörige hierzu begehen. Allein die Theologische Fakultät nutzte diesen wunderbaren Raum bis 1968, jedoch mehr und mehr ausschließlich für gottesdienstliche Zusammenkünfte. Mögliche Erklärungen für diesen Rückzug sind reichlich vorhanden und müssen hier nicht ausgebreitet werden.

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Die Theologische Fakultät sah sich begreiflicherweise in besonderer Weise getroffen. Sie sollte auch getroffen werden, und -wenn nicht alles täuscht – eigentlich noch viel tiefer: Die Universitätskirche war das innere Zentrum der Theologischen Fakultät, und dies war sie gewiß nach 1768 noch in viel intensiverem Maße geworden. Man mache sich nur deutlich, daß Luther selbst die Kirche für die Zwecke der Universität und besonders für den evangelischen Gottesdienst mit einer Predigt am 12. August 1545 in Gebrauch genommen hatte, daß es im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts nicht weniger als drei Predigerkollegien gab, die hier wöchentlich ihre Predigtübungen ab hielten, und daß seit 1710 an allen Sonn- und Festtagen des Jahres Gottesdienst, seit 1712 sogar ein zusätzlicher Vespergottesdienst gefeiert wurde. Mit dem Ende des zweiten Weltkrieges setzten die Unternehmungen ein, die Theologische Fakultät an der Universität Leipzig zu verringern und schließlich auszulöschen. Darin bestand auch ein wesentliches Ziel der Aktionen 1968, die ja nach der Sprengung der Kirche in eine politische Untersuchungskommission mündeten, vor der damals sich jeder an der Theologischen Fakultät, gleich ob Emeritus oder Student, zu verantworten hatte. Die Stadt Leipzig wurde durch die Sprengung um ein Identitätsmerkmal gebracht. Es ist jetzt hier nicht Raum genug, um die viel
fältige Beziehung der Universität mit ihrer Geschichte einschließlich der Universitätskirche zur Stadt Leipzig auch nur anzudeuten.
Stellvertretend sei an die Tätigkeit Johann Sebastian Bachs in dieser Kirche erinnert. 25 Jahre danach soll in einem Gedenken auf diese Untat aufmerksam gemacht werden. Nicht im Sinne der Überhebung, nicht in der Pose des unbesiegten Unterlegenen wird das geschehen.
Es sei einem Mitglied der Theologischen Fakultät gestattet, als Wunsch für die Zukunft auf die Worte aus Psalm 68 zu verweisen, die auf der silbernen Gedächtnismedaille im Grundstein der Paulinerkirche von 1229 zu lesen waren, die 1643 aufgefunden wurde, und vom Selbstverständnis eines damals jungen Klosters zeugen:

Benedicite in excelsis, deo domino,
de fontibus Israel; ibi Benjamin,
adolescentulus in mentis excessu.
Lobt Gott, den Herrn, in der Höhe,
ihr vom Brunnen Israels;
da ist Benjamin, der Jugendliche,
in seinem Überschwang.

Von Martin Petzoldt

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Der Leipziger Augustusplatz

Der Leipziger Augustusplatz war einst einer der bedeutendsten deutschen Großstadtplätze, ein Werk der Stadtbaukunst des 19. Jahrhunderts von internationalem Rang.
An seiner baulichen und räumlichen Ausformung wirkten seit den 1830er Jahren bis in die 20er Jahre unseres Jahrhunderts viele Architekten mit; genannt seien Karl Friedrich Schinkel und Albert Geutebrück, Ludwig Lange, Karl Ferdinand Langhans d. J., Arwed Roßbach, Hendrik Petrus Berlage, Martin Dülfer und German Bestelmeyer. Mit seinen großen Kulturbauten (Universität, Neues Theater, Städtisches Museum), dem Hauptpostamt, Geschäftshäusern und gastronomischen Einrichtungen nahm er eine zentrale Stellung im Leben der Stadt ein. Der Augustusplatz erfüllte überdies nicht nur eine wichtige Funktion im Messegeschehen, sondern war (und ist es auch heute noch) der bevorzugte Ort für Feste und Demonstrationen. Im Dezember 1943 wurde dieser geschichtsträchtige Platz mit Ausnahme weniger Gebäude (Universitätskirche und Krochhaus) schwer zerstört.

Die Umbenennung des Augustusplatzes in Karl-Marx-Platz erfolgte schon im Jahre 1945. Damals wurde seine große Fläche zur Zwischenlagerung des Trümmerschutts der Innenstadt genutzt. Wie der im Januar 1949 bestätigte Wiederaufbauplan der inneren Altstadt zeigte, sollte das ruinöse, aber durchaus wiederaufbaufähige Platzensemble wiederhergestellt werden. Auf Betreiben der SED und der DDR-Regierung wurde die Wiederaufbaukonzeption seit Beginn der 1950er Jahre schrittweise zurück genommen, da es den neuen Machthabern ganz besonders im Falle dieses Platzes nicht um Bewahrung der Geschichte, sondern um die bauliche Demonstration dessen ging, was sie unter »gesellschaftlichem Fortschritt« verstanden und was sich ihrem politischen Selbstverständnis zufolge nur mit Neubauprogrammen verwirklichen ließ.

Die Platzumbauung wurde zu großen Teilen gleichsam ausgewechselt: an die Stelle des Neuen Theaters trat das Opernhaus; die alte Hauptpost erhielt in den 1960er Jahren einen modernen Nachfolger; nach Abriß der Ruine des Bildermuseums entstand etwa zehn Jahre später das neue Gewandhaus. Der schwerwiegendste Eingriff in das alte Platzgefüge und ein Akt kultureller Barbarei sondergleichen aber war die Sprengung der alten, teilweise wieder nutzbar gemachten Universitätsgebäude und der völlig intakten Paulinerkirche im Mai/Juni 1968. Der Baukomplex der neuen Universität wurde noch im gleichen Jahr begonnen und 1975 fertig gestellt.

Zu DDR-Zeiten war die Geschichte des Abrisses der Universität und der Paulinerkirche ein streng tabuisiertesThema. Offiziell wurde der Karl-Marx-Platz in seiner überformten Gestalt als ein Resultat des »friedlichen Wiederaufbaus« gefeiert. Einen kritischen fachinternen Diskurs über die Geschehnisse des Jahres 1968 gab es kaum, einen öffentlichen erst recht nicht. Die meisten Hochschullehrer hatten die damaligen Ereignisse ohnehin mit der Zeit verdrängt und beklagten sich höchstens über die funktionellen Unzulänglichkeiten des Neubaus. So nimmt es nicht wunder, daß viele Studenten, die in den 1970er und 1980er Jahren an der Leipziger Karl-Marx-Universität ein Studium absolvierten, den Universitätsneubau in der Regel als gegeben hinnahmen und so gut wie nichts von der alten Universität wußten. Sie waren jedoch stets betroffen, wenn man z. B. in Seminaren zur Leipziger Baugeschichte oder zu anderen Anlässen über die alte Universität sprach und Fotos vom Vorkriegszustand des Augustusplatzes zeigte. Erstmals thematisiert wurde die Geschichte der Zerstörung, der teilweisen Wiederherstellung und Weiternutzung des Universitätsneubaus 1943 -1968 auf einem Studentenkolloquium am Fachbereich Kunstwissenschaft (jetzt Institut für Kunstgeschichte) im Juni 1989. Das auf umfangreichen Quellenrecherchen beruhende Referat erarbeiteten Rita Hofereiter und Peter Müller, 1991 folgte die Diplomarbeit von Dörte Janik»Die Planungsstufen des Leipziger Universitätsneubaus von 1945 bis 1968«mit einer großen Fülle neu erschlossener Materialien.
Von Thomas Topfstedt