Berühmter Psychiater Johann Christian August Heinroth | Erforschung und ärztliche Behandlung der Seelenkrankheiten

  Früh um 7:00 Uhr am 20. Mai 1806 trat Johann Christian August Heinroth im Keller der Pleißenburg zu seiner ersten Vorlesung an. Von da an wird der fünfeinhalb Jahre später an der Universität Leipzig weltweit erste akademisch bestallte Professor für ein seelen- und nervenheilkundliches Fach in persona für über 37 Jahre psychiatrisch-psychotherapeutische Lehrveranstaltungen bürgen. […]

St._Georgenhaus_Leipzig_1804
Das Georgenhaus als älteste soziale Einrichtung Leipzigs besteht seit 1212. Seit dem 17. Jahrhundert wurde es auch als Irrenanstalt benutzt. Der berühmte Psychiater Johann Christian August Heinroth (1773-1843) war von 1814 bis 1833 auch Hausarzt am damaligen städtischen „Zucht-, Waisen- und Versorgungshaus St. Georg“.   Source: Romantische Gemälde von Leipzig. Carl Benjamin Schwarz. Tafel Nr. 3, Karl Tauchnitz, Leipzig 1804, Foto: H.-P. Haack

 

Früh um 7:00 Uhr am 20. Mai 1806 trat Johann Christian August Heinroth im Keller der Pleißenburg zu seiner ersten Vorlesung an. Von da an wird der fünfeinhalb Jahre später an der Universität Leipzig weltweit erste akademisch bestallte Professor für ein seelen- und nervenheilkundliches Fach in persona für über 37 Jahre psychiatrisch-psychotherapeutische Lehrveranstaltungen bürgen. Damit legte er den entscheidenden Grundstein für 200 Jahre regelmäßige Kollegien in diesem Fach. Nachdem schon in den vorhergehenden Semestern immer wieder Lehrveranstaltungen über ‚Nerven‘, die Struktur der Nervenzellen, über die ‚Sittenlehre der Vernunft‘ oder die ‚Krankheiten von Gelehrten‘ abgehalten worden waren, kann in den Universitäts-Verzeichnissen der zu haltenden Vorlesungen oder in den ‚Leipziger gelehrten Tagebüchern‘ mit den Lehrangeboten von Christian Friedrich Ludwig (1751 – 1823) und Ernst Gottlob Bose (1723 – 1788) eine gewisse Regelmäßigkeit von psychiatrischen oder neurologischen Themen ausgemacht werden.



Der erste bietet zum Beispiel im Wintersemester 1784/85 ‚Die Lehre von den nervösen Krankheitszuständen nach Cullen(ius)‘, der zweite im Sommersemester 1786 die ‚Therapie der die Nerven angreifenden Krankheiten‘ an. In den folgenden Semestern lesen vor allem Johannes Gottlob Haase (1739 – 1801) neurologische und Karl Friedrich Burdach (1776 – 1847) mit ‚Psychische Diä-tetik‘, ‚Über Geisteskrankheiten‘ oder ‚Zur Pathologie der menschlichen Seele‘ immer wieder psychiatrische Themen. Diese Leipziger Vorlesungen zählen mit zu den ersten Lehrveranstaltungen auf dem Gebiete der Psycho- und Neurofä- cher im deutschsprachigen Raum überhaupt.

Ab dem Sommersemester 1806 nimmt sich besonders Johann Christian August Heinroth (1773 – 1843) Fragen seelischer Gesundheit und Krankheit an. Bereits sein erstes Kolleg ‚Ueber das Bedürfnis des Studiums der medicinischen Anthropologie und ueber den Begriff dieser Wissenschaft‘ weist darauf hin, wenn man beachtet, dass den in Leipzig am 17. Januar 1773 Geborenen die medizinische Anthropologie in ihrer Anwendung auf die Seelenheilkunde interessiert hat. Genau dies legte er in seinem ersten akademischen Unterrichtszyklus dar, der früh um 7:00 Uhr am 20. Mai 1806 begann und allem Anschein nach an vier aufeinander folgenden Tagen stattfand – und zwar im Auditorium des Professors für Chemie Christian Gotthold Eschenbach (1753 – 1831). Was tatsächlich heißt: in dem zwei Jahre zuvor im Keller der Pleißenburg aus Räumen einer Speisewirtschaft hergerichteten, feuchten, dunklen und meist nicht zu beheizenden chemischen Laboratorium. Es kann angenommen werden, dass auch die für das Sommerhalbjahr 1807 angekündigte Vorlesung ‚Einleitung in die Heilung des Gemüths‘ trotz des Einmarsches der napoleonischen Truppen 1806 in Leipzig zustande kam, denn Heinroth äußerste dies selbst, und die akademischen Lehrkataloge wiesen auch während der Zeit der Besatzung ungebrochen Lehrveranstaltungen aus. Wenngleich generell die ungünstigen äußeren Umstände sich der Förderung der Karriere des ehemaligen Nikolaischülers und Medizinstudenten der Alma mater Lipsiensis sicherlich als wenig zuträglich erwiesen. Obgleich er wenigstens 1806/07 und 1813 in der Stadt in französischen Militärlazaretten Dienst tat, kam er von seinem eigentlichen Interesse an seelenheilkundlichen Fragen nicht ab. Schon während seines Studiums war er unter den Einfluss des Ersten Ordentlichen Professors der Medizinischen Fakultät und ständigen Dekans, des Physiologen und Philosophen Ernst Platner (1744 – 1818), geraten, und so wird er mit ihm die Schrift ‚De melancholia senili occvlta observatio‘ erarbeitet haben. Endgültig legte er sich spätestens mit seinem Büchlein ‚Beyträge zur Krankheitslehre‘ und seiner Entscheidung für ein psychiatrisches Thema seiner Antrittsvorlesung zur außerordentlichen Professur auf die Seelenheilkunde als Hauptarbeitsgebiet fest.


 

Lehrbuch der Störungen des Seelenlebens oder der Seelenstörungen und ihre Behandlung, Leipzig 1818, Foto H.-P.Haack

Diese Professur, die noch ohne Lehrgebiet ausgeschrieben war, hatte ihm, dem Doktor der Medizin und Philosophie und auf dem Gebiet der Medizin Habilitierten, auf Antrag der sächsische König bewilligt. Weil er also besonders dazu prädestiniert schien und weil im sozial-ökonomisch vorangehenden Sachsen durch die Errichtung von Irrenanstalten rasch Bedarf an speziell für psychische Heilkunde ausgebildeten Ärzten entstand, wurde ihm im Zuge einer allgemeinen Universitätsreform auf Weisung Friedrich August I. (1750 – 1827) 1811 eine außerordentliche Professur für ‚Psychische Therapie‘ übertragen. War es doch die Bestimmung außerordentlicher Professoren ohne Lehramt, bei Bedarf und besonderer Befähigung entsprechend eingesetzt zu werden. Dieser Lehrstuhl an der Universität Leipzig ist tatsächlich der erste eigens für ein seelenheilkundliches Fach eingerichtete und Heinroth der erste akademische Lehrer, der eigens für ein psychiatrisches Gebiet berufen worden ist. Gilt dies mit Gewissheit für das Abendland, besteht dieser Anspruch aber wohl auch angesichts von Definitionsproblemen im Vergleich mit den frühen islamischen Lehranstalten. Jedoch muss definitiv festgestellt werden, dass dieser Lehrstuhl trotz Heinroths ernsthaften Bemühungen zu seinen Lebzeiten nie in einen ordentlichen umgewandelt worden ist, die ‚Psychische Therapie‘ außerordentliches Lehrgebiet blieb, wenngleich er selbst als Hochschullehrer 1819 den Status eines ordentlichen Professors der Medizin erhielt. 1813 gelangte Heinroth durch die Fürsprache der Medizinischen Fakultät zusätzlich in die Stellung als Hausarzt am Waisen-, Zucht- und Versorgungshaus St. Georg. In diese 1212 gegründete städtische Pflege- und Krankenanstalt sind zwar auch psychisch Kranke eingeliefert worden, aber doch längst nicht in der Anzahl und Verweildauer, als dass Heinroth hier unbeschränkt der Zugang zu seelenkranken Patienten ermöglicht worden wäre. So blieb er als psychiatrischer Arzt weitgehend Theoretiker, denn über eine eigene psychiatrische Universitätsklinik konnte er schon gar nicht verfügen.

Heinroth war von seiner ganzen Persönlichkeit her ein eminent stark vom protestantischen Christentum beeinflusster Mensch. Auch sein psychiatrisches Gesundheits- und Krankheitskonzept ist in hohem Maße davon geprägt. Die Ursache der Seelenstörungen – worunter er im engeren Sinne nur die endogenen Störungen begriff – sah er in einer vom Kranken selbst zu verantwortenden Schuld. Diese beruhe auf „Sünde“, darunter verstand er zum einen zwar auch im wortwörtlichen Sinne eine Abkehr von Gott, zum anderen vielmehr aber noch ein den christlich-ethischen Geboten widersprechendes Leben. Also sollte in seinem Sinne darunter ein insgesamt ‚falscher‘ Lebensstil des Menschen verstanden werden, nämlich wenn dessen Begierden überwiegend auf die Befriedigung irdischer Lebensbedürfnisse und Leidenschaften gerichtet seien. Gebe der Mensch diesen nach – und im Laufe der Zeit würden sie zwangsläufig stärker, bestimmender – führe dieser Befriedigungstrieb zur psychischen Krankheit. Grundsätzlich besitze der Mensch die Freiheit, sich für einen Lebensweg zu entscheiden, und damit letztendlich auch die Gewalt über die eigene Gesundheit oder Krankheit. Es wäre zu diskutieren, inwieweit für Heinroth bereits die auf die eigene Person gestützte Selbstverwirklichung eine Übertretung der christlichen Gebote darstellte.

„Die Person ist mehr als der bloße Körper, auch mehr als die bloße Seele: sie ist der ganze Mensch“.

Diese Sünden- bzw. Eigenschuldtheorie legte Heinroth, zu dessen Oeuvre auch ein poetisches Schaffenswerk gehört und der vorübergehend auch mit Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832) in Kontakt stand, in zahlreichen, einem sehr romantisch-verschlungenen Duktus folgenden Büchern nieder. Das berühmteste dürfte das 1818 erschienene zweibändige ‚Lehrbuch der Störungen des Seelenlebens oder der Seelenstörungen und ihrer Behandlung‘ sein. Von Vertretern biologisch orientierter Konzepte wurde Heinroth im Nachhinein vorgeworfen, er habe die Entwicklung der Seelenheilkunde als medizinisches Fach behindert und sie in die Nähe mittelalterlich-neuzeitlicher Teufelsaustreibung geführt. In Wahrheit jedoch unterschied sich die von ihm theoretisch dargestellte „indirect-psychische Methode“ in keiner Weise von Therapieoptionen, die seine zeitgenössischen Kollegen in ihren Irrenanstalten viel ausgedehnter anwenden konnten und die uns erst in zunehmender Erkenntnis mit ihren mechanischen, pharmakologischen, Zwangs- oder mitunter sogar chirurgischen Erregungs- und Erschöpfungsmethoden martialisch und unwissenschaftlich anmuten. Heinroth propagiert sie immer erst als Mittel der zweiten Wahl. Und gerade sein vielschichtiger Begriff der ‚Person‘ weist weit über somatisch Beschränktes hinaus, auf heute moderne medizinische Denkhaltungen: „Die Person ist mehr als der bloße Körper, auch mehr als die bloße Seele: sie ist der ganze Mensch“.

„Direct-psychischen Methode“

Insofern betont Heinroths Ansatz eben sehr wohl etwas Neues, Anderes, wenn er nämlich sein Augenmerk weniger auf die bloße Beseitigung von Krankheitssymptomen legt, als vielmehr auf den ganzen Menschen und er dessen gesamte Lebensumstände in die psychiatrische Therapie einbezieht. Somit gleichen seine Ideen zu einer „direct-psychischen Methode“, die er nämlich als sein Mittel der ersten Wahl anempfiehlt, Vorannahmen des heutigen Begriffs der Psychotherapie. Im Übrigen führte Heinroth auch den Begriff des „Psychosomatischen“ in die medizinische Weltliteratur ein und wird sogar als Schöpfer dieser gesamten Disziplin betrachtet. Zweifelsfrei darf bei all dem natürlich nicht übersehen werden, dass sich seine irrenärztliche Kunst ganz wesentlich auf prophylaktische Lebensratschläge verlegen muss und diese, genau wie sein verhaltenstherapeutischer Behandlungskatalog, auf theologischen, philosophischen, psychagogischen und ärztlich-patriarchalischen Überlegungen beruhen. Lehrveranstaltungen, die eben vornehmlich rein theoretische Lektionen gewesen sein müssen, wird Heinroth bis zu seinem Tode 1843 anbieten. Die Anzahl pro Semester schwankt, oft sind es zwei, manchmal drei oder eine. Die Themen variieren ebenfalls, meist wartet er mit zwei verschiedenen Wissenschaftsbereichen auf: zur Psychischen Heilkunde mit Semiotik, Pathologie, Therapie und Theorie, des Öfteren darüber hinaus Medizinische Anthropologie oder Kriminal-Psychologie bzw. Forensik.


Prozess gegen Johann Christian Woyzeck

Als Gutachter der Medizinischen Fakultät während des berühmten Prozesses gegen Johann Christian Woyzeck (1780 – 1824) 1821 – 1824 wurde er entgegen verbreiteter Darstellung jedoch nicht bestellt, denn erst 1830 musste er gegen seinen Widerstand in die Fakultät eintreten, der er als Dekan turnusgemäß einmal, 1842, vorstand. Immerhin lassen aber die Titel einiger seiner Kollegien das wirklich ernsthafte Bemühen erkennen, seine Tätigkeit als Hochschullehrer und sein Amt als Hausarzt zu verbinden, um den Medizinstudenten im Georgenhaus auch klinische Demonstrationen an Kranken ermöglichen zu können. Bereits am Tage nach Heinroths Ableben am 26. Oktober 1843 zeigt der Dekan der Medizinischen Fakultät, der viel gerühmte Anatom Ernst Heinrich Weber (1795 – 1878), dem vorgesetzten Ministerium für Cultus und öffentlichen Unterricht an, dass die Fakultät keinen Wert darauf lege, dass ein eigenständiger seelenheilkundlicher Lehrstuhl weiter bestehen bleibe und man vielmehr diesen mit anderen zusammenzulegen wünsche. Ohne Umschweife begründet man dies mit einer Erhöhung der Einkünfte der Professorenschaft. Und ebenfalls mit Hilfe einer deutlichen Gehaltsaufbesserung seinerseits kann dann tatsächlich der au- ßerordentliche Professor für Hygiene und Allgemeine Pathologie Justus Radius (1797 – 1884) für einen psychiatrischen ‚Teillehrstuhl‘ und die Fortführung des Unterrichts in psychischer Heilkunde interessiert werden. Ab dem Wintersemester 1844/45 ist es neben anderen vor allem er, der dann seelenheilkundliche Themen liest. Im Gegensatz zu den Lehrveranstaltungen, die wirklich fortgeführt werden, wird in den 1850er und 60er Jahren im Konglomerat der Verpflichtungen Radius‘, die immer wieder hin und her geschoben worden sind, bald keine bestimmte Rede mehr von einem psychiatrischen Lehrstuhl sein, er verschwindet im Laufe der Jahre stillschweigend ohne formellen Akt. An die Heinrothsche psychiatrische Professur wird sich erst wieder Mitte der 1870er Jahre mangels vakanter anatomischer oder physiologischer Lehrkanzeln erinnert, als es vor allem Carl Ludwig (1816 – 1895) umtreibt, für seinen hirnforschenden Schützling und noch außerordentlichen Professor ohne Lehrzuweisung Paul Flechsig (1847 – 1929) ein gesichertes Unterkommen an der eigenen Universität zu finden. Flechsig wird für 1878 schließlich die außerordentliche Professur für Psychiatrie zugesprochen, und er erhält die Anwartschaft auf das Direktorat einer noch zu erbauenden Universitätsirrenklinik. 1884 wird er dann die erste ordentliche Professur für Psychiatrie an der Universität Leipzig erhalten. Hauptsächlich Flechsig, der seit dem Wintersemester 1874 noch ausschließ- lich mikroskopisch-anatomische und hirnanatomische Vorlesungen offeriert hatte, wird ab dem Sommersemester 1880, in dem er mit der ‚Speciellen PsychoPathologie mit klinischen Demonstrationen‘ psychiatrisches Lehrgebiet betritt, bis zu seiner Emeritierung 1920 die von Heinroth als Kontinuität begründete Tradition fortsetzen.

Von Holger Steinberg. Jubiläen 2006. 

Forschung/Belegexemplar 8601: Beginn der akademischen Psychiatrie des Abendlandes. Die Errichtung der ersten Professur für Heinroth in Leipzig vor 200 Jahren, Nervenheilkunde 12/2011; s. 1 -5; Schattauer 2011


 

Ueber die gegen das Gutachten des Hofrath Dr. Clarus von C. M. Marc in Bamberg abgefaßte Schrift: War der am 27. August 1824 zu Leipzig hingerichtete Mörder J. C. Woyzeck zurechnungsfähig?, Leipzig 1825.


Mehr über Heinroth in:

Cornelia Becker. Ärzte der Leipziger Medizinischen Fakultät. Leipziger Universitätsverlag 2006.

 

 

 

 

 

 

 

 


 

Psychatriegeschichte. Universitätsarchiv Leipzig 2015.