Berühmter Forschungsreisender in China – Ferdinand von Richthofen

[wc_divider style=“dotted“ line=“single“ margin_top=““ margin_bottom=““]     Als beispielgebender Erforscher Chinas, als Verfasser wegweisender methodischer Abhandlungen, als Begründer einer einflussreichen geographischen Schule sowie als Impulsgeber für die deutsche Chinapolitik gehörte Ferdinand von Richthofen zu den international herausragenden Geographen des 19. Jahrhunderts.   [wc_divider style=“dotted“ line=“single“ margin_top=““ margin_bottom=““] Ferdinand Paul Wilhelm Diebrand Freiherr von Richthofen wurde […]

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Ferdinand von Richthofen.
Ferdinand von Richthofen. UAL.

 

Als beispielgebender Erforscher Chinas, als Verfasser wegweisender methodischer Abhandlungen, als Begründer einer einflussreichen geographischen Schule sowie als Impulsgeber für die deutsche Chinapolitik gehörte Ferdinand von Richthofen zu den international herausragenden Geographen des 19. Jahrhunderts.

Der zunächst ins Auge gefasste kühne Plan, Boxer-Aufstand in China : Karte der weiteren Umgebungen von Peking und Tiëntsin / von F. von Richthofen ; entworfen und gezeichnet 1878, Neudruck der Karte Tafel II in v. Richthofen Atlas von China (Berlin, Dietrich Reimer, 1878). Richthofen, Ferdinand, Freiherr von, 1833-1905. Entworfen und gezeichnet 1878. Berlin : Dietrich Reimer, 1900. Scale 1:750,000
Der zunächst ins Auge gefasste kühne Plan, Boxer-Aufstand in China : Karte der weiteren Umgebungen von Peking und Tiëntsin / von F. von Richthofen ; entworfen und gezeichnet 1878, Neudruck der Karte Tafel II in v. Richthofen Atlas von China (Berlin, Dietrich Reimer, 1878). Richthofen, Ferdinand, Freiherr von, 1833-1905. Entworfen und gezeichnet 1878. Berlin: Dietrich Reimer, 1900. Scale 1:750,000

 

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Ferdinand Paul Wilhelm Diebrand Freiherr von Richthofen wurde am 5. Mai 1833 in Carlsruhe (Oberschlesien) geboren und studierte seit 1850 Naturwissenschaften, insbesondere Geologie, zunächst in Breslau und dann in Berlin, wo er im Februar 1856 mit einer Arbeit über das vulkanische Gestein Melaphyr promoviert wurde. Von 1856 bis 1860 war er bei der K. K. Geologischen Reichsanstalt in Wien im Rahmen der geologischen Landesaufnahme von Tirol, Vorarlberg, Mähren, Ungarn und Siebenbürgen tätig. Als sich 1860 die Chance bot, die von Graf Friedrich Albrecht zu Eulenburg geleitete preußische Gesandtschaft zum Abschluss von Handelsverträgen mit China, Japan und Siam nach Ostasien zu begleiten, griff Richthofen sofort zu und blieb auch nach Abschluss der Expedition in Übersee.

Illustrated map depicting the journey of the Venetian merchant Marco Polo (1254 - 1324) along the silk road to China. (Photo by MPI/Getty Images)
Illustrated map depicting the journey of the Venetian merchant Marco Polo (1254 – 1324) along the silk road to China. (Source: MPI/Getty Images)

Der Begriff 1877 „Seidenstraße“ („Silk Road“), erfunden von Ferdinand von Richthofen. Die Seidenstraße – die älteste Handelsverbindung der Erde, benannt nach einem der wichtigsten Güter, die auf ihr von China durch Zentralasien nach Westasien, bis hin zum Mittelmeer transportiert wurden – der Seide.

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Ost-Turkestan und das Tianschan-Gebiet zu erforschen, konnte aufgrund von politischen Unruhen nicht umgesetzt werden. Richthofen ging deshalb in die USA, doch es gelang ihm nicht, Geld für weitere Forschungsreisen aufzutreiben, so dass er gezwungen war, sich in den Jahren 1862 – 1868 mit wechselndem Glück in der Edelmetallprospektion Kaliforniens und der östlich angrenzenden US-Bundesstaaten durchzuschlagen. Durch seine geologischen und praktisch ressourcenkundlichen Expertisen bekannt geworden, erhielt er aber 1868 von der Bank of California das Angebot, in ihrem Auftrag und mit ihrer finanziellen Unterstützung chinesische Kohlelagerstätten zu untersuchen. Seit September 1868 bereiste er vor allem die nordöstlichen und südöstlichen Teile des damals noch weitgehend verschlossenen Reiches der Mitte und fand in der Handelskammer von Shanghai eine weitere Geldgeberin, die seinen Aufenthalt seit 1870 finanzierte und ihn nach seiner Rückkehr nach Deutschland 1872 für weitere drei Jahre zur Abfassung einer wissenschaftlich-landeskundlichen Beschreibung Chinas pekuniär unterstützte. Seit 1875 war Richthofen – unhabilitiert – als Professor für Geographie in Bonn tätig. 1883 nahm er den Ruf auf das Leipziger Ordinariat an, u. a. auch deshalb, weil er sich von dem trockeneren Kontinentalklima der Messestadt eine erhebliche Verbesserung der ihn periodisch quälenden Hornhautentzündung der Augen versprach.

Als Ferdinand v. Richthofen im Frühjahr 1883 seinen Dienst an der Leipziger Universität antrat, galt er bereits als einer der berühmtesten Vertreter eines Faches, das erst seit den 1870er Jahren in größerem Umfang an deutschen Hochschulen institutionalisiert worden war. [Historisches Vorlesungsverzeichnis]

Noch während der Bonner Zeit hatte er zwei der auf insgesamt vier voluminöse Textbände konzipierten wissenschaftlichen Landeskunde von China veröffentlicht. Die darin enthaltenen neuen Interpretationen wurden von der sich in den 1880er Jahren erst formierenden Scientific Community der Geographen begeistert aufgenommen. Sie bezogen sich zum einen auf die von ihm vorgeschlagene Regionalisierung des asiatischen Kontinents, die scharf zwischen den abflusslosen Steppengebieten Zentralasiens einerseits und den wasserreichen Gebieten an seiner Peripherie andererseits unterschied und damit Leitlinien vorgab, die für weitere geographische Regionalisierungen maßgeblich wurden. Zum anderen konnte Richthofen wesentliche Beiträge zur Erklärung der großen Lößvorkommen Chinas leisten, die er nicht mehr als fluviatile Sedimente interpretierte, sondern sie als feine, nur vom Wind verfrachtete Stäube beschrieb, deren Bildung er mit dem Vorhandensein von abfluss- und weitgehend vegetationslosen Steppengebieten in Zusammenhang brachte. In Leipzig begann er mit der Arbeit an einem der beiden das Chinawerk begleitenden Atlanten.

Der erste Atlasband erschien 1885 und enthielt, von der Kritik hoch gelobt, eine bis dahin in ihrer Differenziertheit nicht erreichte kartographische Visualisierung des nordöstlichen China. Auch in methodologischer Hinsicht hat Richthofen während seiner Leipziger Jahre der noch um ihre disziplinäre Identität ringenden Geographie neue Impulse gegeben. Schon in dem 1877 erschienenen ersten Band seines Chinawerkes hatte er einschlägige Reflexionen vorgelegt und die Geographie als eine von der Geologie ausgehende wissenschaftliche Beobachtung der Wechselbeziehungen von Erdoberfläche, Klima und organischer Welt bestimmt. Noch viel berühmter als dieser Text wurde seine in der Aula der Universität Leipzig am 27. April 1883 gehaltene Antrittsrede über „Aufgaben und Methoden der heutigen Geographie“, in der er das Programm einer auf induktiver Beobachtung beruhenden Geographie umriss, die als Wissenschaft von der Erdoberfläche die Aufgabe hatte, möglichst exakt erklären zu können, wie das am konkreten Ort vorhandene Zusammenspiel von innerem Bau, Oberflächenformen, Böden, Klima sowie Vegetation funktionierte und dies zusammengenommen dann zur Voraussetzung für menschliche Handlungen im Umgang mit der Natur wurde. Diesem von Richthofen im Laufe seines Lebens noch weiter konturierten und von seinen Schülern dann mit emphatischer Berufung auf den „Meister“ vertieften Programm ist die deutsche Hochschulgeographie bis in die 1920er Jahre hinein gefolgt.

Eine wichtige Rolle hierfür spielte auch der während der Leipziger Zeit entstandene „Führer für Forschungsreisende“. Mit dem Untertitel „Anleitung zu Beobachtungen über Gegenstände der physischen Geographie und Geologie“ versehen, war dieses 1886 veröffentlichte Werk konsequent als ein die induktive Beobachtung schulendes Arbeitsbuch konzipiert. Mit zahlreichen technischen Handreichungen versehen, entwickelte es sich schnell zum Grundlagenwerk für die nachwachsende Geographengeneration, die, dem Vorbild Richthofens nacheifernd, auf ausgedehnte Forschungsreisen in Übersee ging. Obwohl Richthofen mit seinen Veröffentlichungen also eine breite Wirkung im Fach erzielte, war für die Studierenden der persönliche Kontakt mit dem von ernster Zurückhaltung und steifer Würde geprägten Gelehrten schwierig. „Wenn man zu ihm kam und seinen Rat und seine Hilfe in irgend einer Sache erbat“, erinnert sich z. B. Alfred Philippson, einer der ältesten Schüler Richthofens, „konnte es vorkommen, dass Richthofen zurückgelehnt in seinem Sessel sich in tiefes Schweigen und in dichten Zigarrenrauch hüllte, wie Zeus in seine Wolke; peinlich lange konnte dieses Schweigen dauern, sodass der unglückliche Bittsteller vermeinte, abgewiesen zu sein – bis schliesslich das Orakel ertönte oder aber die Antwort auf einen späteren Zeitpunkt verschoben wurde, da Richthofen die Sache noch weiter überlegen wollte.“ Auch in seinen Vorlesungen und Seminaren blieb der Chinareisende schwer zugänglich, weil an ihm, wie Ernst Tiessen berichtet, „nichts war, was ihm wie so manchem anderen akademischen Lehrer Herz und Geist der Studenten im Fluge hätten erobern können. Seine Vorlesungen waren auf einen gleichmäßigen, strengsachlichen Ernst gestimmt, der nie von einer allgemeineren Phrase, kaum je von einem erzählenden Ton oder gar anekdotischen Humor unterbrochen wurde. (…) Nimmt man dazu eine nicht sehr flüssige (…) Redeweise und ein nicht ganz klares, mit einem leichten Fehler behaftetes Organ, so mag man sich vorstellen, daß der Zuhörer sich bemühen mußte, in den Wert dieser Vorlesungen hineinzuwachsen.“

 

Die bisherigen Präsidenten der Berliner Gesellschaft für Erdkunde.

 

Wenngleich sich Richthofen offensichtlich wohl in Leipzig gefühlt hat, entschied er sich doch, 1886 einen Ruf auf das neu geschaffene zweite Ordinariat an der Berliner Universität anzunehmen. Hier ließ er sich mehr und mehr in das Wissenschaftsmanagement hineinziehen, was freilich auf Kosten seiner eigentlichen Forschungsarbeit und schließlich auch der Fertigstellung seines Chinawerkes ging. So organisierte er 1899 den VII. Internationalen Geographentag, war mehrfach Vorsitzender der angesehenen Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin, gehörte dem Kolonialrat an, war im Vorstand der Afrikanischen Gesellschaft aktiv und arbeitete als Berater der Reichsregierung für Ostasienfragen. So wurde sein Chinawerk zu einer wesentlichen Entscheidungsgrundlage für die deutsche Kolonialpolitik. Denn Richthofens landeskundliche Beschreibung der Provinz Shandong war es, die Kaiser Wilhelm II. 1897 für eine Okkupation der Bucht von Jiaozhou (Kiautschou) und des Seehafens Qingdao (Tsingtau) votieren ließ.

Als Ferdinand von Richthofen am 6. Oktober 1905 den Folgen eines Schlaganfalls erlag, war er gerade dabei, einen für den Kaiser bestimmten Bericht über die Ergebnisse und Ziele der Südpolarforschung abzufassen, um Gelder für die Ausarbeitung der von der großen Antarktis-Expedition seines Schülers Erich v. Drygalski 1903 heimgebrachten Ergebnisse einzuwerben. Für die Hochschulgeographie stellte Richthofen in seiner Berliner Zeit mit seinen zahlreichen, weit über die Universität hinausreichenden wissenschaftspolitischen Aktivitäten eine Ausnahmeerscheinung dar. Ohne die vergleichsweise ruhigen, der Forschung und damit dem Aufbau der internationalen Reputation gewidmeten Jahre in Bonn und Leipzig wäre das freilich schwerlich denkbar gewesen.

Von Ute Wardenga.

Dr. Ute Wardenga ist stellvertretende Leiterin des Leibniz-Institutes in Leipzig.

Jubiläen 2005.